
Team ERD und Landesverband der Hessischen Hebammen e. V. bringen Notfallmedizin und Geburtshilfe zusammen
Eine Geburt lässt sich vorbereiten, ihr Verlauf hält sich aber nicht immer an den Plan. Wenn die Wehen unerwartet schnell einsetzen und der Kreißsaal nicht mehr rechtzeitig erreicht werden kann, steht der Rettungsdienst vor einer seltenen Einsatzlage. Für genau diese Fälle ist am 29. September 2026 im Kreis Offenbach das Projekt „Hebamme vor Ort“ gestartet. Das Team ERD setzt das Konzept gemeinsam mit dem Landesverband der Hessischen Hebammen e. V. um. Registrierte Hebammen können ab sofort bei einer unvorhergesehenen Geburt außerhalb der Klinik zusätzlich zum Rettungsdienst alarmiert werden. Schirmherr des Projekts ist Landrat Oliver Quilling.
„Wenn ein Kind so rasch kommt, dass die Klinik nicht mehr rechtzeitig erreichbar ist, braucht es neben der Notfallmedizin geburtshilfliche Erfahrung. Unser Rettungsdienst ist generell auch für solche Lagen da. Mit ‚Hebamme vor Ort‘ holen wir aber zusätzliche Kompetenz an die Einsatzstelle, deren Alltag die Geburtshilfe ist“, erklärt Landrat und Schirmherr Oliver Quilling. „Das stärkt die Versorgung in einem Moment, in dem wenig Zeit für Entscheidungen bleibt.“
Ergänzung für den Ausnahmefall
„Hebamme vor Ort“ ist kein geplantes Regelangebot. Es ist ein ergänzendes Notfallkonzept für den Fall, dass eine Geburt so schnell verläuft, dass ein Kreißsaal nicht mehr rechtzeitig erreicht werden kann. Die Einsatzkräfte des Rettungsdienstes sind für medizinische Notfälle ausgebildet, haben mit Geburten im Alltag aber nur selten zu tun.
„Eine Geburt draußen ist nichts Normales. Normalerweise findet sie im Kreißsaal statt. Für alle ist das eine schwierige Situation: für den Rettungsdienst, für die Mutter, den werdenden Vater und auch für das Kind, weil die Umgebung nicht optimal ist. Mit diesem System versuchen wir, ein Stück näher an das Optimale heranzukommen“, sagt Sebastian Bergold, Projektleiter beim Team ERD.
„Unsere Einsatzkräfte sind für Notfälle gut ausgebildet. Eine Geburt erleben die meisten von ihnen aber nur selten“, sagt Christian Schönemann, Betriebsleiter des Team ERD. „Mit den Hebammen holen wir genau diese Erfahrung an die Einsatzstelle. Unser Voraus-Helfer-System zeigt bereits, was im Kreis Offenbach möglich ist, wenn der Rettungsdienst mit engagierten Menschen aus der Region zusammenarbeitet.“
So läuft ein Einsatz ab
Bei einem Notruf wegen einer einsetzenden Geburt alarmiert die Zentrale Leitstelle in Dietzenbach wie gewohnt den Rettungsdienst. Anhand festgelegter Kriterien, etwa des Wehenabstands, prüft sie, ob zusätzlich eine Hebamme angefragt wird. Die Alarmierung läuft über die App DE-Alarm und erreicht gleichzeitig alle registrierten Hebammen im Kreisgebiet. Wer sich in der Nähe befindet und übernehmen kann, meldet sich bei der Leitstelle und erhält von dort die Einsatzbestätigung. Die Annahme bleibt freiwillig.
Die 28-jährige Hebamme Nathalie Jaud beschreibt, wie das in der Praxis aussieht: „Wir werden über eine App alarmiert, die einen Ton macht, auch wenn das Handy auf stumm geschaltet ist. Man sieht dann die Adresse der Familie und kann entscheiden, ob man in der Nähe ist. Der Anfahrtsweg sollte 10 bis 15 Minuten nicht überschreiten. Dann kann man den Einsatz annehmen oder ablehnen.“
In der Regel fährt die Hebamme mit dem eigenen Auto zur Einsatzstelle. Bei erhöhter Dringlichkeit oder wenn kein Fahrzeug zur Verfügung steht, kann die Leitstelle einen Transport organisieren.
Klare Aufgabenteilung vor Ort
An der Einsatzstelle arbeiten Hebamme und Rettungsdienst gemeinsam. Bei einer regulär verlaufenden Geburt liegt die geburtshilfliche Verantwortung bei der Hebamme. Sie entscheidet auch, wo die Geburt stattfindet: zu Hause, im Rettungswagen oder in der Klinik. Treten medizinische Komplikationen bei Mutter oder Kind auf, übernimmt der anwesende Notarzt die Verantwortung.
„Wir schaffen mit ‚Hebamme vor Ort‘ keine Parallelstruktur, sondern bringen zwei Fachgebiete für einen klar umrissenen Ausnahmefall zusammen“, sagt Oliver Quilling. „Die Hebamme arbeitet auf Augenhöhe mit dem Rettungsdienstteam und übernimmt ihren fachlichen Bereich. So ist bereits vor dem Einsatz geklärt, wer welche Verantwortung trägt.“
„Mit ‚Hebamme vor Ort‘ schaffen wir eine klare und verlässliche Struktur für besondere Einsatzlagen“, beschreibt Sebastian Bergold den Ansatz. „Unsere Rettungsteams bringen ihre notfallmedizinische Kompetenz ein, die Hebammen ihre geburtshilfliche Erfahrung. Genau dieses Zusammenspiel auf Augenhöhe macht das Projekt stark.“
Nathalie Jaud sieht darin einen klaren Gewinn: „Hebammen begleiten viele Geburten und kennen sich damit gut aus. Deshalb ist es gut, wenn jemand dabei ist, der weiß, wie man unterstützen kann.“
Fast 20 Hebammen sind bereits dabei
Vor dem Start hat das Team ERD zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. 18 Hebammen informierten sich dort aus erster Hand über Konzept, Ablauf und die Zusammenarbeit mit dem Rettungsdienst. Vorgestellt wurde das Projekt von Caren Röck, Christiane Anfang und Anna Schnappauf vom Landesverband der Hessischen Hebammen e. V. sowie von Christian Schönemann, Holger Adler und Sebastian Bergold vom Team ERD. Mittlerweile sind bereits fast 20 Hebammen Teil des Netzwerks.
„Eine Geburt außerhalb des Kreißsaals ist immer eine besondere Situation. Wenn Hebamme und Rettungsdienst dabei als Team zusammenarbeiten, entsteht zusätzliche Sicherheit für Mutter und Kind. Dafür möchten wir im Kreis Offenbach ein möglichst großes und verlässliches Netzwerk aufbauen“, sagt Caren Röck.
Wertvolle Impulse kamen auch aus dem Nachbarkreis. Das Team ERD bedankt sich bei Dr. Manuel Wilhelm, Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes im Main-Kinzig-Kreis, für seinen Einblick und sein Feedback.
Hebammen gesucht
Das Team ERD und der Landesverband suchen weiterhin Hebammen aus dem Kreis Offenbach, die mitmachen möchten. Voraussetzung sind eine gültige Berufserlaubnis und eine eigene IK-Nummer für die Abrechnung. Feste Dienste gibt es nicht: Jede Hebamme entscheidet bei jedem Alarm selbst, ob sie den Einsatz übernimmt.
Während des Einsatzes besteht Haftpflichtschutz über den Träger des Rettungsdienstes im Rahmen der Amtshaftung. Das medizinische Material stellt der Rettungsdienst. Erbrachte Hebammenleistungen werden wie gewohnt mit der Krankenkasse abgerechnet.
Informationen und Registrierung: www.erd-kreis-of.de/hebammevorort
Ansprechpartnerin: Caren Röck, offenbach@hebammen-hessen.de











